The stone pit, the camp and the villages (2022 – 2023)

GPS Web-Applikation, Erkundung des Areals mit dem Smartphone, Foto: Martin Krenn, 2022

Website: https://granitsteinbruch.at

Der Steinbruch, das Lager und die Ortschaften
Martin Krenn entwickelte in Kooperation mit der Historikerin Edith Blaschitz und dem Team des Instituts für Creative\Media/Technologies der Fachhochschule St. Pölten eine audiovisuelle GPS Web-Applikation zum ehemaligen Granitsteinbruch zwischen Roggendorf und Groß-Reipersdorf niederösterreichischen Waldviertel, der auch Teil eines Zwangsarbeitslagers im Ersten und im Zweiten Weltkrieg war. Die App macht anhand von historischen Fotografien und Dokumenten aus öffentlichen und privaten Archiven, ergänzt von einer Stimme aus dem Off, Geschichten des einstigen Steinbruchs sicht- und hörbar. Entsprechend bestimmten GPS-Koordinaten werden die jeweiligen Bilder und Soundfiles am Tablet/Smartphone gezeigt bzw. abgespielt. Beim Erkunden des heutigen Areals wird die Gegenwart mit unterschiedlichen historischen Perspektiven überlagert. Durch die körperliche und sinnliche Erfahrung beim Durchstreifen des Geländes – beeinflusst durch das jeweilige Wetter und die Umgebungsgeräusche des Waldes sowie den modrigen Geruch verfallener ehemaliger Betriebsgebäude und anderer Artefakte – wird die mittels Bilder und Texte der App erzählte wechselvolle Geschichte des einstigen Steinbruchs mit dem gegenwärtigen Erscheinungsbild des Areals verwoben. Bisher wurden zwar keine Belege dafür gefunden, dass in dem NS-Zwangsarbeitslager Menschen gefoltert oder ermordet wurden. Aber die Selbstverständlichkeit, mit der hier Zivilpersonen und Kriegsgefangene gegen ihren Willen zu schwerer Arbeit gezwungen wurden, und die weitgehende Verdrängung der NS-Zeit in den umliegenden Ortschaften stehen symptomatisch für eine geschichtspolitische „Normalität“, die in der Zweiten Republik viele Jahrzehnte vorherrschend war. Weit verbreitet war die These, dass Österreich und seine Bevölkerung das erste Opfer des Nationalsozialismus waren, von den Österreicher:innen begangenes Unrecht wurde dadurch relativiert. Es wurde verdrängt, dass ein großer Teil der Bevölkerung, auch wenn er nicht direkt in NS-Verbrechen involviert war, sehr wohl zur Aufrechterhaltung des NS-Regimes beitrug oder es zumindest duldete.
Die Recherche für die App zum Granitsteinbruch bewegte sich entlang historisch überprüfter Fakten und Dokumente und basiert auf aufgezeichneten Geschichten von Zeitzeug:innen. Die Quellenangaben können auf einer separaten Seite abgerufen werden. Es werden jedoch von der Off-Sprecherin Hilde Dalik keine Namen von Personen, Firmen und Orten genannt. Durch diesen künstlerischen Eingriff wird die Geschichte des Steinbruches und der umliegenden Ortschaften aus ihrem spezifischen Kontext herausgelöst und verallgemeinert. Ziel ist es, dass die Probleme und Fragen, die bei der historischen Aufarbeitung dieser Region auftreten, nicht auf diesen Ort beschränkt bleiben, sondern dazu anregen, sich mit der Geschichte der eigenen Herkunfts- und Wohnorte auseinanderzusetzen. Aufgrund von Recherchen des Bundesdenkmalamts wissen wir, dass es in Österreich insgesamt mindestens 2115 bislang bekannte Orte gibt, wo in der NS-Zeit Zwangsarbeitslager betrieben wurden.

Die GPS Web-Applikation „Der Steinbruch, das Lager und die Ortschaften“ wurde innerhalb des Projektes https://www.spurenlesbarmachen.at realisiert und im Rahmen des Calls „Kunst und Kultur im digitalen Raum 2021“ vom Bundesministerium für Kunst und der Landesregierung Niederösterreich gefördert. Die Geschichte des NS-Zwangsarbeiterlager beim Granitsteinbruch Roggendorf wird aufgearbeitet. Das Forschungsprojekt versucht das Lager und die Opfer in Zusammenarbeit mit der ortsansässigen Bevölkerung ins Bewusstsein zurückzubringen. Als beteiligter Künstler entwickelte ich gemeinsam mit dem Team von Historiker:innen, einer Archäologin und den Lehrenden und Studierenden der Fachhochschule St. Pölten eine GPS-gesteuerte Tablet-App, welche vor Ort das Zwangsarbeiterlager am Gelände des heute stillgelegten Steinbruches in Erinnerung ruft. Projektteam: Rosa Andraschek, Künstlerin, Dipl.-Ing. Clemens Baumann, BSc, Fachhochschule St. Pölten, Ass.-Prof. Dr. Edith Blaschitz, Universität für Weiterbildung Krems Dr. Wolfgang Gasser, Institut für jüdische Geschichte Österreichs, St. Pölten, Martin Krenn, Ph.D., Künstler, FH-Prof. Dr. Thomas Moser, Fachhochschule St. Pölten, Mag. Sylvia Petrovic-Majer, OpenGLAM.at (Projektmanagement), Dipl.-Ing. Alexander Schlager, BSc, Fachhochschule St. Pölten, PD Mag. Dr. Heidemarie Uhl, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Mag. Dr. Georg Vogt, Fachhochschule St. Pölten, Daniela Wagner, Universität für Weiterbildung Krems

GPS Web-Applikation, Erkundung des Areals mit dem Smartphone, Foto: Martin Krenn, 2022